Das Baujahr eines Hauses sagt doch alles – oder ?
Jedes Jahrzehnt hat seine besonderen Merkmale, die sich in der Bauweise eines Hauses wiederfinden. Im besten Fall hat die Zeit einen herausragenden Stil geprägt, der sich auch später mühelos erkennen lässt und mitbestimmt, wie werthaltig eine Immobilieninvestition ist.
Wer eine Jugendstilwohnung in Hamburg-Eppendorf besitzt, weiß, was er hat: Große Räume, hohe Decken, vielleicht sogar mit Stuckornamenten, möglicherweise Eichenparkett, auf jeden Fall aber das Wohnen auf hohem bürgerlichen Niveau. Die meisten Häuser aus dieser Zeit sind inzwischen aufwendig renoviert und repräsentieren neben den alten Werten auch den Wohlstand vergangener Zeiten. Dafür wurde schon immer ein sehr guter Preis gezahlt, weil es sich lohnt - sogar, wenn hohe Renovierungskosten anfallen.
Ganz anders sieht es mit den Häusern aus der Nachkriegszeit aus. Dazu ein Beispiel aus der Praxis von Thorsten Hausmann von Hausmann Immobilien, die als Immobilienexperten in der Metropolregion Hamburg tätig sind:
Eine Erbengemeinschaft will ein Reihenhaus im Hamburger „Speckgürtel“ verkaufen. Es soll mindestens einen sechsstelligen Betrag einbringen, denn der Großvater habe sein Häuschen immer gut in Schuss gehalten. Doch bei genauem Hinsehen ergibt sich, dass die Heizung bereits 23 Jahre alt ist, die Elektrik und das Dach stammen aus dem Ursprungsjahr und der Keller ist feucht, weil es keine Drainage gibt. Nur die wunderschönen Doppelfenster und die solide Eingangstür wirken auf Anhieb überzeugend, leider sind sie nicht mehr richtig dicht. Und die 80 Quadratmeter Wohnfläche reichen für eine junge Familie nicht aus.
Der Käufer eines solchen Reihenhauses wird folgende Rechnung aufmachen: Kaufpreis 100.000 Euro plus Renovierungs- und Sanierungskosten von rund 85.000 Euro plus 35.000 Euro für den Dachgeschossausbau, ergibt zuzüglich Erwerbs- und Nebenkosten mindestens 230.000 Euro für knapp 100 Quadratmeter Wohnfläche. Diese Summe muss einem Vergleich mit dem Preis für einen Neubau standhalten.
Gewinnen kann das alte Reihenhaus mit dem romantischen Garten vielleicht, weil es über eine gewachsene Nachbarschaft, eine funktionierende Infrastruktur und eine exzellente Lage verfügt. Doch ein Neubau ist schon fertig, macht keine Arbeit und ist einfach moderner, sagen sich die jungen Käufer heute oft. Und kostet vergleichbar auch nur 250.000 Euro im „Speckgürtel“ von Hamburg.
Hausmann Immobilien bekommt sehr häufig Verkaufsaufträge für derartige Häuser aus den sechziger und siebziger Jahren. „Das ist jetzt der ganz natürliche Generationswechsel“, sagt er. „Eigentlich muss an ihnen alles renoviert werden, weil die wesentlichen Bauteile einfach an der Altersgrenze sind. Dazu gehören das Dach, die Fenster, die Elektrik, die Heizung, manchmal auch die Geschosstreppen. Oft genug stimmt die Raumaufteilung nicht mehr mit modernen Ansprüchen überein: Die Bäder sind zu klein, die Türen zu niedrig, die Räume zu eng.“
„Jedes Baujahr hat seine Macken“, erläutert Thorsten Hausmann. Häuser aus der Jahrhundertwende um 1900 sind zwar meistens solide gebaut, dafür fehlen Schall- und Wärmeisolierung. Die dreißiger und vierziger Jahre sind vom Materialmangel der Kriegsjahre bestimmt. Die fünfziger Jahre waren geprägt vom schnellen Wiederaufbau mit allen Materialien, die eben zur Verfügung standen – geeigneten, aber auch ungeeigneten. In den Sechzigern konnte man sich zwar besser auf die Bauphysik verlassen, doch der Siedlungsbau war oft trist und langweilig. In den siebziger Jahren war das Bauen mit Beton sehr in Mode, aber noch längst nicht ausgereift. Wer den Baustil der Achtziger mag – häufig gedrungene Baukörper aus Backstein mit kleinen Fenstern – bekommt endlich ein solides Bauwerk. Häuser ab 1990 machen meistens keine Probleme, wenn man bedenkt, dass auch bei diesen jungen Baujahren den gewünschten energetischen Anforderungen nicht entsprochen wird.
Es kommt eben immer darauf an, was man will. Ein altes Haus kostet letztlich genauso viel wie ein neues, wenn beide den gleichen Standard bieten sollen. Doch ob dieser Standard in zehn Jahren noch gilt, ist auch nicht sicher. „In jedem Fall muss das Haus zu seinen Bewohnern passen“, hat Thorsten Hausmann durch viele Jahre in der Praxis erfahren. Er rät dazu, mutig zu sein und eigenen Vorlieben den Vorrang vor langweiliger 08/15-Architektur zu geben. „Individualität findet man auf jeden Fall häufiger in alten, schiefen Häusern, die einfach liebenwert sind. Schließlich steht ein schönes Haus immer auch für einen Teil unserer Lebenskultur.“
Thorsten Hausmann
GF und Pressesprecher
Hausmann Immobilien
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